Ziele setzen!

Von Wilhelmshaven nach Greetsiel

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128 km Ausdauer-Ganzkörpertraining


Sonntagmittag, zwei ehemalige Wiesmoorer aus Gelsenkirchen in Ostfriesland:

Beflügelt vom Wunsch nach Auszeit und unsere bisherigen Erfolgen bei der Teilnahme am National Walkingday, dem Karstadt-Halbmarathon und unserem Weekendwalk von Wiesmoor nach Wilhelmshaven entschlossen wir uns spontan unsere Reise in Wilhelmshaven fortzusetzen. Eine Urlaubswoche stand uns zur Verfügung.

Der Wetterbericht prophezeite allerdings alles Andere als sonnige Aussichten. Der Rucksack wurde immer wieder neu gepackt, um leichter zu werden. Letztendlich wog unser Gepäck pro Nase um die 13 Kilo. Aber diese wurden wirklich gebraucht, wenn sie uns auch an den ersten zwei Tagen ganz schön zu Boden zogen. Unsere besorgte Mutter steckte uns noch ein Wanderkarte zu, die sich aber bei Aufbruch als Radwanderkarte aus dem Lipperland entpuppte. So kauften wir uns noch schnell eine Ostfrieslandkarte, in die auch wirklich jeden Deichmeter eingezeichnet war.

Gleich zu Beginn in Wilhelmshaven haben wir uns trotz Karte verlaufen. Wir suchten den direkten Weg, der allerdings quer durch den Stützpunkt der Deutschen Marine führte. Am Tor angekommen verwies man uns auf den Haupteingang, der allerdings genau dort lag wo wir hinwollten. Nämlich auf die andere Seite. Wer also vom Südstrand aus über den Deich wandern will sollte direkt über die Kaiser-Wilhelm-Brücke gehen. Wie wir später feststellten, brachte diese Brücke schon vor 100 Jahren einen für uns alle unbekannten Mann in eine wichtige Entscheidungsnot.

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Nach kurzer Zeit durch die Stadt erreichten nördlich vom Marinearsenal den Nordseedeich. Den Haupteingang der Marine ließen wir links (rechts) liegen und nahmen Fußkurs auf Maadesiel. Gleich auf den ersten Metern auf dem Deich lernten wir den schnellen Wetterumschwung kennen, der uns dann auch gleich unterhalb der Regenjacke völlig durchnässte. Doch nach den folgenden Nordseewind mit Sonnenschein waren wir nach ein paar Minuten wieder trocken. Kaum erreichten wir die Schleuse in Maadesiel ertönte das Warnsignal. Die Schranke ging herunter und schnitt uns den Weg ab. Das sollte nicht das letzte mal an einer Schleuse sein.

Hinter der Schleuse trafen wir auf Stephan.

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Stephan feiert im Oktober seinen 100sten Geburtstag. Sein Vater stand vor 100 Jahren vor der schweren Entscheidung bei der Geburt seines Sohnes dabei zu sein oder die Einweihung der Kaiser-Wilhelm-Brücke mitzufeiern. Stephan ist selbst Tagesmärsche von Wilhelmshaven nach Hooksiel und zurück gelaufen. Damals natürlich noch ohne Sportschuhe mit Gel- oder Luftdämpfung, geschweige denn orthopädischen Einlagen. Er erzählte uns auch über den geplanten Containerhafen JadeWeserPort am Vosslapper Strand. Wie wir dann selbst feststellten, einer der schönsten Badestrände nördlich von Wilhelmshaven.

Kurz vor Hooksiel wurden wir wieder von einem starken Regenguß mit Gewitter überrascht. Wir retteten uns unter eine über den Deichweg verlaufende Ölpipeline. Nicht weit entfernt zerrte ein Surfer sein Brett samt Segel aus dem Meer. Eigentlich wollte er nur von Wilhelmshaven nach Tossens surfen. Eine Strecke quer über den engsten Teil des Jadebusens, doch die Strömung und aufkommende Ebbe zog ihn 10 km nordwärts.

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Weiter bei schönstem Sonnenschein kamen wir in Hooksiel an. Wiedereinmal an einer Schleusenschranke wartend, genossen wir die Aussicht auf den Hafen. Ein gutduftender Fischimbiss mit fröhlichen Friesen lud uns zu einer Rast ein. Wir erkundigten uns nach einem Fremdenzimmer und machten uns auf den Weg zum Hotel Friesenhof in Hooksiel. Hinter uns lagen gewalkte 28 km als wir gegen 20:30 Uhr eintrafen und Herr und Frau Wöbker uns freundlich empfingen. Walker, Wanderer und Radfahrer haben hier Priorität. Wir schliefen diese Nacht tief und fest wie lange nicht mehr.

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Mit dem guten Gefühl der Visitenkarte dieses Hauses für den möglichen Anruf bei einer verzweifelten Suche der nächsten nächtlichen Bleibe ging es mit anfänglich steifen Beinen wieder auf den Deich weiter bis Carolinensiel. Zuvor erreichten wir das schöne Horumersiel und im Anschluss daran Schillig, der rechten Ecke der ostfriesischen Nordseeküste. Die klare Sicht ließ den Blick auf die Insel Mellum und Wangerooge zu. Schafe am Deich wurden zu unseren ständigen Begleitern.

In der Höhe Förren wurden wir wegen Deichsanierung übers Landesinnere geleitet. Endlos kurvige Straßen führten uns um bestellte Felder über Tengshausen bis zur Hauptverkehrsstraße in Friederikensiel. Hier genossen wir einen heißen Kaffee und einen köstlich, frischen Salat. Stolz blickten wir auf unserer Karte auf die zurückgelegten Kilometer. Die weitere Strecke ließen wir allerdings noch wohlweißlich zusammengefaltet. In Carolinensiel angekommen wollte man uns unser Reiseziel nicht glauben. "Wanderer mit einem solchen Ziel habe ich in all den Jahren noch nicht gehabt" , sagte die Wirtin.

Am dritten Tag walkten wir weiter bis Dornumersiel. Zuvor machten wir Halt in Bensersiel. Das Krabbenpulen am Deich sollte man allerdings unterlassen. Unzählbare Möwen (Deichgeier) versuchten mitzupulen. Als es ans Kartenschreiben ging, stellten wir fest, dass nicht jeder Souvenirladen auch Briefmarken verkauft. Der Gastwirt eines Schnellrestaurants, ein ehemaligen Bocholter und treuer Schalkefan hörte von unserer Briefmarkensuche und verkaufte uns seine privaten Marken, damit wir unseren Kindern eine Karte an diesem Tag aus Bensersiel schicken konnten. Auch er war schwer überrascht von unserem Walkvorhaben und könnte sich nicht an Walker oder Wanderer mit einer solchen Strecke erinnern. Gut gestärkt ging es bananenbepackt weiter.

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Wir fanden eine Flaschepost im Westerburer Watt. Ein neunjähriger Junge aus Rheine hat sie bei seiner Rückkehr von Langeooge letztes Jahr ins Wasser geworfen.

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In Dornumersiel angekommen liefen wir durch einen wunderschönen Park. Wir überlegten schon hier unter freiem Himmel zu übernachten als wir ein sehr günstiges Zimmer in der "Pension Blinkfüür" fanden. Nach der abendlichen Beinmassage viel uns das Aufstehen am Folgetag weniger schwer. Unser Walk setzte sich Richtung Norddeich, der linken Ecke auf der Landkarte fort. Unterwegs machten wir Rast in Neßmersiel, denn nach Neßmersiel kommt am Deich 10 bis 15 km Deichweg nichts, außer Schafe und erschöpfte Touristen. Die Sonne schien und Aggis Huus kochte hervorragenden Kaffee. Nebenan ist direkt ein Souvenierladen, der alles bietet. Die netten Friesen und alle anderen Urlauber waren allesamt wie wir in guter Laune. Hier herrschte eine Art Familienstimmung. Wieder lernten wir Menschen aus uns NRW kennen: Sulingen und Recklinghausen. Alles begrüßte sich mit einem strahlenden: "Moin!" und kam direkt ins Gespräch.

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Auf der langen einsamen Strecke Richtung Norddeich sprachen wir nur noch plattdeutsch miteinander und man höre...es saß bis Norddeich. Im rustikalen Fährkeller von Norddeich merkte die Wirtin beim Servieren der Apfelschorle: "Oh, da prookt ja well platt! Wo koomt ji denn her?" "Koomen sünd wi von Wilhelmshaven...aberst wohnen tun wi in Gelsenkirchen!", antwortete ich. Die Wirtin schaute verdutzt zu denn einheimischen Gäste rüber und fing schallend an zu lachen. Dann fragte ein Gast: "Neeeeeeeee, wirklich nu??" Nachdem der Wirt uns bei der Zimmersuche weiterhalf, ging es nach einem kühlen Küstennebel gut gelaunt in den Schuhen die Straße ins Ortsinnere zum schönen Hotel Frisia. Am nächsten Tag sollte es nach dem vorzüglichen Frühstück in einem flotten Marsch Richtung Greetsiel gehen. Vor uns lagen schließlich nur 20 Deichkilometer. Diese liefen sich aber bei praller Sonne mit Gegenwind lähmend und die Strecke zog sich ins Unendliche.

20 Kilometer Deich...kein Cafe, kein Imbissstübchen nur Touristen oder Wattarbeiter. "Wollen Sie etwa ganz bis Greetsiel laufen? Da kommt auf der gesamten Strecke nichts mehr!", machten uns erfahrene Touristen aufmerksam. Einige suchende und sichtlich erschöpfte Fahrradtouristen fragten uns, ob wir irgendwo ein Cafe wüssten. Teilweise waren wir zu Fuß gegen den Wind schneller als Fahrradfahrer. Das erfüllte uns mit Stolz. Außerdem waren wir mit Wasserflaschen gerüstet. Dann kam der Deich, der uns auf Greetsiel blicken ließ. Von Weitem erkannten wir die zwei Mühlen und freuten uns, das es nicht mehr weit zu sein schien. Doch der Wind drückte uns in die Deichstraße zurück und die letzen Kilometer zogen sich. Die Sonne schien uns gewaltig auf den Pelz und die Kraft ließ merklich nach. 20 Kilometer in 6 Stunden. Wir setzten uns am Hafen nieder und bemerkten unsere Bräune und die kleinen Sonnenbrände.

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Beim Essen rechneten wir die Gesamtstrecke nach und blickten erschöpft aber stolz auf die Landkarte. Trotz guter Verpflegung, 3 Kilo leichter und braungebrannt wie kanarische Inselurlauber, kamen wir nach unserer viereinhalbtägigen Walkingtour von Wilhelmshaven bis Greetsiel ins verregnete Gelsenkirchen zurück. Ca. 128 km legten wir zurück.

Dann entdecken wir hier einen Bericht in der WAZ: Wanderbar...Das Wandern kommt von seinem angestaubten Ruf nicht weg. Der Ruf müsste vom frischen Nordseewind entstaubt sein- wir Urlauber aus dem Ruhrgebiet sind zu mindestens ganz angetan. Toll war das und wir machen weiter. Auf Entdeckungstour im Ganzkörpertraining soll es auch weitergehen:

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Unsere nächste Tour folgt in den Herbstferien den Spuren von Professor Dr. Ubbo Emmius. Er lief in Etappen 1576 zu Fuß von Greetsiel nach Genf. Wie gesagt; auf den Spuren und in Etappen.